Bericht aus Leipzig

„Aus der ’stark prosperierenden Region‘ eine Fehlinvestition machen!“

Im Vonovia-Jahresbericht 2018 wurde Leipzig als „stark prosperierende Region“ bezeichnet. Das war kurz nach der Übernahme der Bestände des österreichischen Immobilienkonzerns Conwert. Damit verfügte Vonovia über fast 10.000 Wohnungen in der Stadt. Nach der jüngsten Übernahme der Deutsche Wohnen wächst dieser Bestand nochmals an. Mit mehr als 16.000 Wohneinheiten, darunter viele ehemalige Genossenschaftsbestände, hat das Unternehmen großen Einfluss auf den lokalen Wohnungsmarkt.

Aber nicht nur der Wohnungskonzern wächst, sondern auch die Empörung und der Protest nehmen zu. Im Frühjahr 2019 fiel der Startschuss für die Gründung der Mietergemeinschaft Schönefelder Höfe. Die Schönefelder Höfe sind ein geschlossenes bauliches Ensemble mit ca. 180 Häusern und 1.600 Wohnungen, die sich um begrünte Innenhöfe anordnen. Der Stadtteil Schönefeld liegt im nordöstlichen Stadtgebiet Leipzigs. Hier hatte 1905 der „Bauverein zur Beschaffung preiswerter Wohnungen“ begonnen, Wohnraum für einfache Post- u. Bahnbeamte zu schaffen. Nachdem die Höfe lange genossenschaftlich verwaltet wurden, erfolgte 2006 der Verkauf an Conwert und 2017 die Übernahme durch Vonovia.

Die Mietergemeinschaft Schönefelder Höfe wurde zwar von Aktivist*innen angestoßen, versteht sich aber nicht als aktivistische Gruppe, sondern als Mieter*innen-Organisation. D.h. hier schließen sich Mieter*innen aus dem Quartier und Unterstützer*innen zusammen, um in geregelter Zusammenarbeit eine starke Bewegung gegen die Praktiken des Wohnungskonzerns und für bezahlbares Wohnen aufzubauen. Zu diesem Selbstverständnis gehört, dass die Organisation für neue und politisch unerfahrene Menschen offen ist und die unkomplizierte Mitarbeit ermöglicht.

Diesem Grundsatz entsprechend ging der Gründung der Initiative eine Phase mit Haustürgesprächen voraus. Dabei haben wir Beschwerden gesammelt und zu einer offenen Versammlung eingeladen. Seither finden regelmäßig Versammlungen statt. Außerdem haben sich Arbeitsgruppen zu bestimmten Themen (Betriebskosten, Stadtpolitik, Öffentlichkeitsarbeit). Als größte Probleme haben sich die Betriebskostenabrechnungen, die Erreichbarkeit des Vermieters sowie die Modernisierungen erwiesen.

Wichtige Schritte und Ereignisse der Anfangszeit waren außerdem das Gründungsfest im Sommer 2019 und die Weihnachtsfeier im gleichen Jahr. Ende 2019 hatte uns zudem die Regionalvertretung der Vonovia zu einem Austausch eingeladen, den wir nutzen konnten, um die Verantwortlichen mit unseren Forderungen zu konfrontieren.

Die Initiative war noch kein Jahr alt als die Pandemie zuschlug. Gerade das Organisationswachstum hat unter den damit eintretenden Bedingungen gelitten. Kurz vor dem ersten Lockdown konnten wir noch einen öffentlichen Stadtteilspaziergang durchführen. Später haben wir dann eine Reihe von „Ersatzaktivitäten“ in Angriff genommen (etwa eine Sendung im lokalen Radio, intensive telefonische Kontakte und die Erstellung eines Rundbriefs), mussten aber feststellen, dass der direkte Austausch unersetzbar ist. Trotzdem 2020 von der Pandemie bestimmt war, haben wir weiter daran gearbeitet, Möglichkeiten des massenhaften Widerspruchs gegen die Betriebskostenabrechnungen zu entwickeln, etwa durch eine gemeinsame Veranstaltung mit dem Mieterverein Leipzig.

Stadtteilspaziergang im März 2021

 

Auch 2021 stand im Zeichen von Corona. Soweit möglich, haben wir uns dennoch (im Freien) versammelt und sind auch öffentlich aktiv geworden. So haben wir im März mit einer symbolischen Aktion vor dem Vonovia-Servicebüro am europäischen Aktionstag für bezahlbares Wohnen (Housing Action Day) teilgenommen und uns im Sommer am Leipziger Fest der Nachbarschaften beteiligt. Außerdem haben wir eine breit angelegte Veranstaltungsreihe unter dem Titel „Zeitreise Wohnen“ durchgeführt. Im Herbst haben wir mit dem Aufbau einer zweiten Initiative im Stadtteil Anger-Crottendorf/Reudnitz den nächsten Schritt getan, um Vonovia-Mieter*innen im gesamten Stadtgebiet zu organisieren.

Housing Action Day 2021

 

In beiden Stadtteilen sammeln wir derzeit Unterschriften für die gemeinschaftliche Prüfanforderung der Betriebskostenbelege und haben einen gemeinsamen Prüfausschuss gegründet.

 

Kontakt

Homepage: https://mietergemeinschaft-schoenefeld.de

E-Mail: info@mietergemeinschaft-schoenefeld.de

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